ANEMONA CRISAN


FASSADEN

Künstlerischer Entwurf zur Gestaltung der Fassade des RGZM–Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, 2020

 

Woher wir kommen und wohin wir gehen
Für die Fassade des RGZM habe ich eine aufwendige in situ Malerei entwickelt, die eine Geschichte über die Forschungsinhalte und Vermittlungsziele des RGZM erzählt. Meine künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich außerdem immer mit der architektonischen Form eines Gebäudes und seiner Nutzung. Über diesen Zugang gelang mir eine stimmige Verortung der Forschungsgegenstände und Vermittlungsinhalte des RGZM mit der modernen Formensprache des neuen Gebäudes, die die Identität des RGZM in den öffentlichen Raum kommuniziert.


Künstlerische Gestaltung – die Entwicklung des Menschen durch Zeit und Raum


Die Erzählung beginnt an der Nordostfassade (straßenseitig) im kleinsten Rundbogen. Hier sehen wir ein Menschenpaar als Schattenfiguren dargestellt, das einander auf Augenhöhe nackt gegenüber steht. Es symbolisiert das erste Paar, das den Werdegang des modernen Menschen in Gang setzt.


Im zweiten Rundbogen sehen wir die nächste Etappe: Aus dem Paar ist eine kleine Gruppe, die Familie entstanden. Wir sehen 5 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die sich in vertrautem Kreis um ein Lagerfeuer versammeln. Ein entscheidender Schritt in der Menschheitsgeschichte, das Feuer steht hier symbolisch für die geistige und körperliche Energie und das Bewusstsein, welche den Menschen seit dieser Zeit ausmachen.


Der dritte Rundbogen widmet sich der Gesellschaft. Aus der vertrauten Familie ist eine komplexe Gesellschaft geworden. Hier tritt das Thema Konflikt und Krieg auf. Zwei (römische) Krieger stehen einander gegenüber und repräsentieren ihre jeweiligen Gesellschaften in diesem Zweikampf. Das Licht des Feuers taucht hier in seiner negativen Dimension in Verbindung mit den Speeren, Schildern und Rüstung der Kämpfer auf.



Im vierten Rundbogen sehen wir eine sonnen-gekrönte männliche Figur, die eine Fahne hält: Er ist der Anführer der Gesellschaft. Hier wird die patriarchale Hierarchie als gesellschaftliche Ordnung thematisiert. Im gleichen Bogen unten sehen wir die dazugehörige Gesellschaft, die wie eine Armee in Reih- und Glied geordnet ist. Lediglich einzelne Individuen sind feuerfarben herausgehoben: Dies sind die freien Geister. Individuen, die Kritik an den herrschenden Verhältnissen üben, aufklärerische und emanzipatorische Ideen pflegen. Die hierarchisch geordnete, oft gleich geschaltete Gesellschaftsform begleitet uns als Prinzip bis zum Übergang zur anderen Gebäudeseite in die heutige Zeit.



Auf der Südostfassade wird das Rundbogenmotiv fortgesetzt. Hier sehen wir unten eine Menschenmenge. Diese Menschen sind wir, die Menschen von heute. Sie gehen optisch nahtlos in die früheren Menschengruppen über und schaffen damit eine Verbindung zwischen dem vergangenen und heutigen Menschen. Aus den aufklärerischen, emanzipatorischen Ideen unserer Vorfahren wurden individuelle Zugänge zum gesellschaftlichen Zusammenleben.


Das Individuum tritt mit seinen speziellen Talenten und Bedürfnissen aus der Gruppe hervor, ohne sie zu zerstören. Die Hierarchie verliert zugunsten der freien Entfaltung von Ideen, Fertigkeiten und Rechten an Bedeutung. Aus der streng hierarchischen Gesellschaft wird ein Kollektiv, das nach den Prinzipien des Konsenses und des Kompromisses funktioniert.


Im letzten Rundbogen neben dem monumentalen Museumsfenster steht schließlich eine einzelne Figur, bestehend aus Mann und Frau, Licht und Schatten. Diese Figur ist in ihren Anteilen (Mann/Frau, Hell/Dunkel) ausgeglichen und verkörpert ein mögliches Ergebnis der vorangegangenen Dynamik menschlicher Entwicklung: das freigespielte Individuum, das alle vorangegangenen Zeiten – selbsterkennend und ausgeglichen – in sich vereint.



Künstlerischer Entwurf zur Gestaltung von Foyer und Giebelwand Innenhof Amtsgericht Königs Wusterhausen bei Berlin, 2020

 


Giebelwand Innenhof: "Reigen"


Ausführung: In situ Malerei mit Silikatfarben. Wir sehen vier abstrahierte Figuren aus der Vogelperspektive, die in einem konzentrischen Reigen um eine imaginäre Zeitachse angeordnet sind. Sie reicht aus der Tiefe des alten Gebäudes in die Gegenwart des Neubaues.


Die Giebelwand hat innerhalb des Amtsgerichtsgebäudes eine zentrale Position, genau zwischen dem alten und dem neuen Gebäudeteil. Sie steht präsent aber etwas aus der Achse verschoben am neuen Innenhof des Gebäudes und hat optisch doch nicht so richtig Anschluss zum Neubau. Diese Wand und die gesamte Hofsituation brauchen einen optischen Anker. Meine künstlerische Gestaltung transformiert diese optisch disfunktionale Situation der Giebelwand und betont inhaltlich ihre Funktion als Verbindung von Alt und Neu.


Künstlerischer Entwurf zur Gestaltung der Außenbereiche der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld, 2023 


Fassade und Betonummauerung der Justizvollzugsanstalt


Ausgangspunkt der künstlerischen Gestaltung ist die Giebelwand des Außenlagers:


Rechts zu sehen ist eine sehr abstrahiert in Untersicht dargestellte Figur. Sie kann als Figur identifiziert werden, muss aber nicht. Sie besteht aus Kettenelementen, die sich auf der linken Seite der Wand allmählich in Flügel verwandeln. So transformiert sich diese in sich selbst eingesperrte Kettenfigur langsam in einen los fliegenden Vogel. Wie der Phönix aus der Asche. Die Flügel/Vögel sind eine Assoziation für Freiheit und Losfliegen und erinnern zudem an das Schwalbenbuch, das Ernst Toller in diesem Gefängnis verfasst hat.
Das Werk erzählt somit die Geschichte des Entwicklungsprozesses von der Kettenfigur zum fliegenden Vogel, vom Eingesperrt-Sein zum Frei-Sein. Die Reihenfolge des Prozesses kann dabei in beide Richtungen gelesen werden: Als der “Absturz” des Menschen von der Freiheit in das Eingesperrt-Sein (Haft) und als Aufstieg des Menschen als fliegender (Phönix) aus dem Eingesperrt sein, ein Flug in die neue Freiheit (Das neue Leben nach der Haft). Ein Phönix, der mit eigener Kraft aus diesen Ketten Flügel wachsen lassen muss.
Die künstlerische Gestaltung hat den Schwerpunkt an der Giebelwand der Lagerhalle.
Kleine Zitate dieses Sujets sind auch entlang der langen Umfassungsmauer anzubringen, um diese massive Betonmauer nach außen hin gestalterisch zusammen zu fassen und die optische Massivität, gerade für die Menschen ausserhalb der Justizanstalt, zu mindern, damit nicht ein Eindruck einer „Berliner Mauer“ entsteht. Diese Zitate könnten zB das Flügel-, Vogelmotiv aufnehmen. 


Künstlerischer Entwurf zur Gestaltung des Eingangsbereichs QSL Braunschweig, 2023 


"Zusammen-Hang"


Ausgangspunkt der künstlerischen Gestaltung ist die Giebelwand des Außenlagers:



Ich wähle als Sujet für den Eingangsbereich des Quartier Sankt Leonhard zwei abstrakte Kopfumrisse, die sich wie Kettenglieder ineinander verschlingen und eine Unendlichkeitsschleife bilden. Sie steht symbolisch für den „Zusammen-Hang“ zwischen Menschen aus der Vergangenheit und der Zukunft, die sich an diesem Ort zusam- men finden, einander begegnen, zusammenleben, und über die Gen- erationen hinweg, zusammen wirken. Getragen vom Versprechen Jesu an seine Jünger aus der Rede über das Leben in der Gemeinde. „Wo sich zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Ihnen“ (Mat. 18:20)

So wie Zeit und Raum spielt auch das Licht eine wesentliche Rolle in dieser Darstellung. Ist es doch das Licht in jedem von uns, das uns ausmacht und das wir mit der Gemeinschaft teilen. Den Grundgedanken der Gemeinschaft aufnehmend soll der Eingangs- bereich die warme und angenehme Atmosphäre eines Sonnenauf- gangs ausstrahlen, denn „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“ (Mat. 5:14). Die Farbe Orange steht für dieses Innere Licht, die Lebendigkeit aber auch die Spiritualität, unser seelisches Selbst.

Dieser Grundgedanke ist gleichsam das Portal das jeder durchsch- reitet der das Gebäude betritt und so an der Gemeinschaft teilnehmen kann.

An diesem Punkt möchte ich noch einmal auf die abstrakten Kop- fumrisse hinweisen die nicht nur für das Individuum in der Gemein- schaft stehen sondern auch die unterschiedlichen Funktionen und Rollen, die diese Menschen einnehmen. Es geht um den Beitrag, den Menschen in ihrer Funktion in die Gemeinschaft tragen und die Zuwendung, die sie in ihrer Rolle als Teil der Gemeinschaft erfahren. Das Werk zieht den Blick der Passanten an, so wie ein uns anschau- endes Gesicht es immer tut. Es ist das Gesicht, die Visitenkarte dieses Gebäudes und Areals. Es lädt uns ein einzutreten in diese eigene Welt.



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